INTERVIEW: Die Forscherin Tania Li fordert, beim Ölpalmenanbau in Indonesien den Kleinbauern Vorrang zu geben

Oil palm harvester in Indonesia. CIFOR/Lucy McHugh
Gregory McGann
26 Juli 2018

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TORONTO (Landscape News) – Wo eine landwirtschaftliche Großproduktion stattfindet, kann es zu Konflikten um Landrechte, die Verteilung des Nutzens und den Umweltschutz kommen, die unter Wissenschaftlern zu heftigen Diskussionen über die Vorzüge dieser Form der Wirtschaftsentwicklung führen.

Während die einen den positiven wirtschaftlichen Nutzen hervorheben, weisen andere auf Fälle von sozialem und ökologischem Missbrauch hin.

Tania Li, die am 11. Mai im Rahmen des Global Landscapes Forum an einer digitalen Diskussionsrunde zum Landschaftswandel teilnehmen wird, zählt zu den am deutlichsten vernehmbaren kritischen Stimmen. Sie ist Professorin im Fachbereich Anthropologie der kanadischen University of Toronto und verfügt über umfangreiche Forschungserfahrung in Indonesien, wo die rasante Expansion großer Palmölplantagen Landschaften verändert und die Leben von Millionen von Menschen beeinflusst hat.

Anstatt mehr Großplantagen anzulegen, sollte der Anbau von Ölpalmen durch Kleinbauern unterstützt werden, sagt Li.

Indonesien ist der weltweit größte Produzent von Palmöl. Der größte Teil wird in andere asiatische Länder und nach Europa exportiert, wo es als Speiseöl und Biokraftstoff sowie in verarbeiteten Lebensmitteln und Kosmetika zum Einsatz kommt. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung und der staatlichen Förderung von Biodiesel nimmt auch der Inlandsverbrauch zu.

Nach Angaben der indonesischen Statistikbehörde erstrecken sich die Palmölplantagen über 12 Millionen Hektar Land – eine Fläche, die etwa der Größe Nordkoreas entspricht –, hauptsächlich auf den Inseln Sumatra und Borneo. Aber auch in anderen Teilen des indonesischen Archipels, vor allem auf der Insel Sulawesi und in der Provinz Papua, breiten sich die Palmölplantagen schnell aus.

Der indonesischen Generaldirektion für Plantagenwirtschaft zufolge werden 40 Prozent der Gesamtfläche von Kleinbauern bewirtschaftet, die oft vertraglich an Plantagenunternehmen gebunden sind. Die restliche Palmölproduktion findet auf Großplantagen statt, für deren Pflege und Ernte die Unternehmen Leiharbeiter einsetzen.

Die neuen Palmölplantagen ersetzen oft kleine Farmen, die Reis, Gemüse, Obst und Kautschuk sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Handel produzieren. Die Einheimischen erwarten in der Regel, dass sich durch die Einrichtung von Plantagen ihre Lebensgrundlagen verbessern.

Aber ist das geschehen? Wie beeinflussen die Plantagen das Leben der Einheimischen tatsächlich?

Diese Frage stand im Mittelpunkt eines großen Forschungsprojekts zu den sozialen Auswirkungen von Palmölplantagen, das unter Leitung von Tania Li und ihrem Kollegen Pujo Semedi von der indonesischen Gadjah Mada University durchgeführt wurde.

Li veröffentlichte 2017 einen Artikel mit den Ergebnissen der Studie in Geoforum. Sie vergleicht das Leben in einem von Palmölplantagen dominierten Gebiet mit dem Leben unter einem, wie es nennt, „Mafia-System“.

Sie erklärt, dass sich dieser Begriff nicht auf bestimmte korrupte Personen bezieht oder auf betrügerische Unternehmen, die sich nicht an das Gesetz halten, sondern vielmehr auf ein System, in dem eine Plantage so dominant ist, dass sie die Existenzmöglichkeiten für alle bestimmt, und in dem Korruption auf allen Ebenen vorhanden ist.

Im selben Jahr veröffentlichte Li einen Artikel im Journal of Peasant Studies, in dem sie beschrieb, wie lokale Bauern ihr Land an Palmölunternehmen verloren, während die Beschäftigungsmöglichkeiten auf den Plantagen begrenzt blieben und sich die Arbeitsbedingungen verschlechterten.

Li sagt, sie sei zunehmend besorgt über die negativen sozialen Auswirkungen der „Monopolisierung der Landschaft“. Im folgenden Interview wurde sie von Landscape News gefragt, wie sich ihre Ansichten im Laufe der Jahre entwickelt haben und welche Alternativen sie sieht.

F: Waren Sie anfangs optimistischer hinsichtlich der Auswirkungen von Palmölplantagen?

A: Um 2009 habe ich eine Studie über die sozialen Auswirkungen von Palmölplantagen in Sulawesi durchgeführt, und die Ergebnisse waren gemischt. Während häufig um Land gestritten wurde, gab es auch deutliche Entwicklungsfortschritte: Den Landwirten, die an Kleinbauern-Programmen teilnahmen, die mit den Plantagen verbunden waren, ging es gut. (Ergebnisse der Studie wurden in einem Artikel im Journal of Peasant Studies veröffentlicht.) Sie hatten ein ordentliches Einkommen, und es herrschte ein Gefühl von Wohlstand. Ich sah, dass die Palmölplantagen dazu beitrugen, eine Sekundärwirtschaft in Gang zu bringen. Das verfügbare Einkommen der Menschen stieg, wodurch neue Arten von Arbeitsplätzen entstanden. Die Leute fingen an, Motorräder zu verkaufen, Häuser zu reparieren, Friseursalons zu eröffnen, usw. Dann begann ich 2010 ein neues, größeres Forschungsprojekt über die Auswirkungen der Ölpalme auf das Leben der Menschen in Westkalimantan. Und je tiefer wir in das Thema eintauchten, desto beunruhigender wurde das Bild.

F: Worauf sind Sie gestoßen?

A: Da ist zunächst die Frage der Arbeit. Die Befürworter von Palmölplantagen argumentieren, Plantagen brächten gute Arbeitsplätze, aber wir fanden dafür keinerlei Beweise – ganz im Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert. Zweitens ist da die Frage des Bodens. Unternehmen schlossen mit den Gemeinden, die ihre Plantagen umgeben, Grundstücksvereinbarungen ab, in deren Rahmen die Gemeinden ihr Land an das jeweilige Unternehmen abtraten. Im Gegenzug erhielt jeder Haushalt ein zwei Hektar großes Grundstück für den Anbau von Ölpalmen, und das Unternehmen übernahm die Versorgung mit Ölpalmensämlingen und anderen Materialien. Diese Vereinbarungen waren ein Alptraum und führten zu vielen Konflikten. Außerdem haben wir festgestellt, dass zwei Hektar Ölpalmenplantage einfach nicht ausreichen, um ein würdiges Auskommen zu garantieren. Ein Haushalt benötigt mindestens sechs Hektar. Schließlich war die Beziehung der Landwirte zum Unternehmen von Frust und Wut geprägt.

F: Warum stimmten die Gemeinden diesen Vereinbarungen zu?

A: Die Umstände der Landfreigabe waren sehr problematisch. Es gab eine Menge Druck. Manchmal in Form direkter Gewalt, mit Bulldozern, die die Kautschukplantagen der Menschen zerstörten. [Bei Semedi und Bakker finden sich weitere Informationen über die Landfreigabe und die Anwendung von Gewalt in Westkalimantan.] Außerdem haben die Unternehmen viele Versprechungen gemacht. Die wichtigste war der Bau von Straßen. Die Menschen hofften, dass ihnen die Straßen in Kombination mit dem Anbau von Ölpalmen Wohlstand bringen würden.

F: In der Zeitschrift Geoforum schreiben Sie über infrastrukturelle Gewalt. Was meinen Sie damit?

A: Stellen Sie sich eine Fläche von 10 000 Hektar vor, die nur einem einzigen Zweck gewidmet ist: der Ölpalme. Die Reisfelder und Kautschuk- und Obstbäume, die es vorher gab, sind aus der Landschaft verschwunden. Das ist eine Form von Gewalt. Es ist nicht die Waffe im Gesicht, es sind die Palmen in der Landschaft. Sobald die Palmen da sind, bestimmen sie dein Leben. Die Einheimischen können nichts tun, sie können die Plantagen ja nicht einfach verschwinden lassen. Und wenn sie eine Beschwerde haben, können sie sich nicht auf gesetzlichen Schutz verlassen, da viele Regierungsbeamte in das Plantagensystem verstrickt sind. In dieser Hinsicht kann man es mit der Mafia vergleichen.

F: Sind die Plantagenunternehmen mit einer Mafia gleichzusetzen?

A: Es geht nicht so sehr darum, dass die Unternehmen die Kriminellen sind. Das Problem ist vielmehr, dass es ein System gibt, das nach seinen eigenen Regeln arbeitet. In Neapel heißt die Mafia O’sistema – das System. Es ist ein System, außerhalb dessen man nichts tun kann – keine Wohnung mieten, keinen Job bekommen, kein Restaurant eröffnen. Das ist vergleichbar mit einem Leben auf der Plantage, mit systematischen Verzerrungen auf allen Ebenen. Ich traf jemanden, der für ein Plantagenunternehmen arbeitete und sich selbst als der „Typ mit dem Briefumschlag“ bezeichnete. Sein Job war es, Geld in Umschläge zu stecken, mit dem einzigen Zweck, Leute zu bezahlen. Regierungsbeamte, Führer der lokalen Gemeinschaften, Journalisten – jeder steckt in diesem System fest. Im Kern des Systems steckt ein Monopol; ein Monopol über Land, über Lebensgrundlagen und über den Raum.

F: Welche Rolle spielen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in diesem Bereich?

A: Einige NGOs nehmen eine Menschenrechtsperspektive ein und lenken die Aufmerksamkeit auf die schlimmsten Fälle, wie zum Beispiel Plantagen mit Kinderarbeit. Obwohl das wichtig ist, wird die Tatsache außer Acht gelassen, dass die Arbeitsbedingungen auf breiter Front verbessert werden müssen. Analog dazu konzentrieren sich Umwelt-NGOs auf Fälle, in denen Primärwald illegal in Palmölplantagen umgewandelt wird, während die Umweltproblematik über diese Fälle hinausgeht. Denken Sie nur an die ökologischen Auswirkungen der Umwandlung ganzer Landschaften in Ölpalmenmeere. Meiner Ansicht nach müssen wir über die schlimmsten Fälle hinausschauen. Wir müssen das Gesamtbild betrachten – das gesamte System der plantagenbasierten Entwicklung.

F: Würden strengere Normen für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung Veränderungen herbeiführen?

A: In der gegenwärtigen Situation ist die effektive Anwendung von Normen äußerst kompliziert, da das Problem struktureller Natur ist. Im Kern handelt es sich um ein Problem einer massiv ungleichen Machtverteilung. Die Einheimischen und die lokalen Behörden sind nicht in der Lage, das System zu ändern, so können sie nur versuchen, einen Teil des Wohlstands zu ergattern. Und selbst das wohlwollendste Unternehmen findet sich in einem bereits vorhandenen, von Korruption und Interessenkonflikten geprägten System wieder.

F: Das Bild, das Sie zeichnen, ist düster. Wo ist Ihrer Meinung nach der Ausweg?

A: Verschiedene NGOs setzen sich für ein Moratorium für den Ausbau von Palmölplantagen ein, und ich unterstütze dies. Vor allem in Kalimantan, Papua und Sulawesi werden Jahr für Jahr immer mehr Plantagenkonzessionen erteilt. Wir müssen diesen Zug zum Halten bringen.

F: Würden damit den Menschen nicht Verdienstmöglichkeiten genommen?

A: Bei einem Stopp des Plantagenausbaus würden sich mehr Möglichkeiten für eine kleinbäuerliche Entwicklung bieten, bei der die Menschen ihre eigenen Entscheidungen über die Nutzung des Bodens treffen können. Für Landwirte ist es viel attraktiver, selbstständig Ölpalmen anzubauen. Die Ölpalme ist eine sehr lukrative Pflanze, und die Kleinbauern sind begierig darauf, sie zu pflanzen. Mit einer geeigneten Infrastruktur und qualitativ hochwertigen Setzlingen können sie Hektarerträge erzielen, die denen der Plantagen entsprechen oder sie übertreffen. Allerdings können Kleinbauern in Indonesien vielerorts nicht selbstständig Ölpalmen anbauen, weil sie bezüglich des Straßenbaus und des Transports zur Mühle auf Unternehmen angewiesen sind. Staatliche Mittel müssten für Investitionen in Infrastruktur und landwirtschaftliche Unterstützungsprogramme verwendet werden, die es Kleinbauern ermöglichen, Ölpalmen anzubauen, sowie dazu, sicherzustellen, dass mittel- und landlose Menschen nicht ausgeschlossen werden. Außerdem werden landwirtschaftliche Unterstützungsprogramme für durchschnittliche Landbesitzer benötigt, um deren Kapazität für die Entwicklung unabhängiger Kleinbetriebe zu stärken und gleichzeitig sicherzustellen, dass sie nicht von Eliten verdrängt werden, die über ausreichende Mittel für den Erwerb großer Landstriche verfügen, auf denen sie dann Palmölfarmen einrichten, die als unabhängige Kleinbetriebe eingestuft werden, im Wesentlichen jedoch wie kleine Plantagen funktionieren.

F: Wenn alle Kleinbauern Ölpalmen pflanzen, geht die Homogenisierung der Landschaft weiter. Manche sind besorgt über eine mangelnde Vielfalt in Bezug auf Ökologie und Lebensgrundlagen. Teilen Sie diese Sorge?

A: Es sind die großen Plantagen in den Grenzgebieten, die die größte Gefahr für die Vielfalt darstellen, und diese müssen gestoppt werden. Dann kann man beginnen, sich auf die kleinbäuerliche Entwicklung konzentrieren. Wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, werden Kleinbauern wahrscheinlich Ölpalmen anbauen, aber ich gehe davon aus, dass viele Landwirte darüber hinaus auch Reisfelder sowie Kautschuk- und Obstbäume behalten werden und so eine Landschaft bewahren, die eine Vielfalt an Nahrungsmitteln und anderen Produkten liefert.

F: Was sind die Lehren für andere Länder, die ebenfalls einen raschen Ausbau von Palmölplantagen erleben?

A: In Indonesien konnten Unternehmen von der Verfügbarkeit billigen Landes und billiger Arbeitskräfte profitieren. Natürlich sollten die Regierungen den Unternehmen keine großen Konzessionen erteilen, wenn die lokalen Landwirte dadurch ihr Land verlieren. Auch die Organisation der Arbeitnehmer ist wichtig. Wenn Arbeiter organisiert sind, steigt ihre Verhandlungsmacht, und die Arbeitskosten steigen. Das ist gut für die Arbeitnehmer, und es zwingt die Unternehmen, darüber nachzudenken, ob die Plantagen wirklich rentabel sein werden. Sie könnten besser Palmfrüchte von unabhängigen Kleinbauern kaufen. Vor allem aber zeigt die indonesische Erfahrung deutlich die inhärenten Risiken von Großplantagen: Ist das wirklich die Form der Entwicklung, die man will?

F: Glauben Sie, dass finanzielle Anreize zu Veränderungen führen könnten?

Wenn Indonesien keine großen Plantagenkonzessionen mehr gewähren würde, würden sich Palmölinvestoren in zweierlei Hinsicht anpassen. Erstens, indem sie Kleinbauern unterstützen, die die Palmen auf ihrem eigenen Land anbauen. Und zweitens, indem sie ihre eigenen Direktinvestitionen auf den Bau von Mühlen und das Management der Lieferkette konzentrieren, wo die Skaleneffekte für sie günstig sind. Gegenwärtig ist es den Unternehmen nicht erlaubt, eine Mühle zu bauen, wenn sei keine angrenzende Plantage besitzen. Dadurch sind sie gezwungen, in den Palmenanbau einzusteigen, auch wenn dieser konfliktbeladen und schwer zu verwalten ist. Eine Änderung des entsprechenden Gesetzes wäre ein guter Anfang.

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